Andreas Bock

Los geht’s

Erstmal kam KARIN auf die Werft, den Rumpf polieren und die etwas ruppige Bleiballastbombe schön mit Epoxy umhüllen und glätten.

Dann nach Wedel in den Hamburger Yachthafen, das ist ein Gemeinschaftsprojekt mehrerer Hamburger Segelvereine, die dort seit 1961 einen riesigen Yachthafen angelegt haben.

https://www.hamburger-yachthafen.de/hafen.html

Dort wurde KARIN am Sonntag, 27.06.2021 freundlich-norddeutsch gekrant. Am Montag, 28.06.2021 mit dem Abendhochwasser ging die Reise los…

Mein Plan war, einhand in die Bretagne zu segeln. Dort in lieblichen Gewässern, bei schöner Sonne und lecker Austern wollte die Miteignerin an Bord kommen, zwei Wochen Urlaub machen und mit der Rückreise wiederum nichts zu tun haben. Die sollte, ebenfalls einhand, bis Ende August wieder zurück nach Wedel führen. Nach vielen Ostseetörns wollte ich etwas Neues erleben.

Als Vorbereitung hatte ich einen NKE-Autopiloten und Solarpanele installiert. Navionics-Seekarten konnte ich über zwei unabhängige Systeme nutzen: Ein wasserdichtes Caterpillar-Mobiltelefon und einen fest eingebauten GPS-Kartenplotter. Im Mobiltelefon waren auch die Dossiers der Häfen sowie alle Bedienungsanleitungen als .pdf Dokumente gespeichert. Dossiers für die französischen Häfen gab es: https://figaronautisme.meteoconsult.fr/ dort über die Suchfunktion den Namen des Hafens eingeben. Wetterberichte holte ich über die App https://www.windy.com/

Für die geplante Fahrtroute und –Zeitraum speicherte ich etwa zehn Screenshots auf dem Mobiltelefon. Die Gezeiten der möglichen Zielorte notierte ich vor Abfahrt. Komfortabler ist die Funktion der Navionics-App auf dem Mobiltelefon: Die Gezeiten und vor allem die Meeresströmungen wurden aktuell angezeigt. Das funktionierte sogar offline, denn die Daten wurden bei der jeweils letzten Online-Nutzung der Navionics App auf das Gerät geladen.

UKW-Funkgerät mit AIS-Empfang, pyrotechnische Seenotsignale, Notruder, EPIRB und eine Rettungsinsel gehörten ebenfalls zur Ausrüstung. Motor war ein 3PS Yamaha Außenborder, der für Hafenmanöver im Schacht unter dem Cockpitboden installiert wurde. Sobald der Motor seinen Job getan hatte, musste er in der Backskiste gestaut werden. Den Schacht füllte dann ein Schaumstoffklotz, so dass der Rumpf außen völlig glatt wurde.

KARIN wurde leer gewogen mit 1.110kg. Das Gewicht einhand mit Ausrüstung und Proviant entsprach etwa dem Regattamodus mit 4er Crew. Dank des geringen Gewichts zeigte das Log 15kn downwind ohne Gennaker bei TWS 30kn. Mit Gennaker zeigte das Log 12kn bei TWS 20kn: https://www.kk28.org/docs/VID_August2021.mp4

Bei mehr als TWS 20kn habe ich den Gennaker geborgen. Auch bei wenig Wind ging es voran, TWS 3-4kn bewirkte 2-4kn Fahrt unter Segel. Motoren bei Flaute machte ich nur zweimal für jeweils 1-2h die letzten Meilen bis in den Hafen. Nicht an Bord: Papier-Seekarten, -Handbücher, Pump-WC, Radar, Heizung, Kühlschrank, Einbaudiesel, Rollfock, alles viel zu schwer. Auch kein AIS-Transponder, den hätte ich aber gern gehabt.

So verlief die Hinreise

DatumOrtlosfestsmhKommentar
28.06.2021Wedel18:30NE 6-15kn
28.06.2021Anker Brunsbüttel Südreede22:30266
29.06.2021Anker Brunsbüttel Südreede07:40N 20kn Regen
29.06.2021Norderney22:008414
30.06.2021Norderney16:00NW 10-20kn
01.07.2021Den Helder10:0011018
02.07.2021Den Helder10:00NW-W-N 3-8kn
02.07.2021Scheveningen23:005511
03.07.2021Scheveningen14:00SE 15kn, nachts flau, Regen
04.07.2021Nieuwpoort14:008524
05.07.2021Nieuwpoort12:00SW 10kn, später Flaute,
05.07.2021Calais21:30409,5Regen, 2h Motor
06.07.2021CalaisHafentag, SW 35kn
07.07.2021Calais10:42357SW 20kn Kreuz
07.07.2021Boulogne sur Mer18:00
08.07.2021Boulogne sur Mer11:00SW schwachwindig Kreuz
09.07.2021Le Havre16:3011029,51h Motor
10.07.2021Le Havre12:00NE flau, 2x ankern bei
12.07.2021Roscoff15:0020051Gegenstrom, später NW 15kn
13.07.2021RoscoffHafentag
14.07.2021Roscoff10:00Schwachwindig W-NW-NE-N
15.07.2021Sainte-Marine/Benodet16:0013230Turbulenzen westl. Ile de Sein

Insgesamt (Hinreise):

  • 877 sm
  • 200 h
  • 18 Tage, davon 2 Hafentage, 6 Nächte auf See
  • 4,4 kn Durchschnittsgeschwindigkeit

Die Hinreise war geprägt durch rustikales Wetter mit wenigen Aufheiterungen. Faserpelz und Ölzeug alle Tage. It´s nice between the showers!

Unvermutet kam der Nebel vor Scharhörn. Ich fuhr auf dem schmalen Streifen zwischen Fahrwasser und Scharhörn. Die Großschifffahrt konnte ich hören und auch orten mit dem AIS.

Bei der Einfahrt nach Norderney durch das Dovetief mit achterlichem Wind TWS 20kn wurden die Wellen steil, ein Brecher stieg ins Cockpit und KARIN schlug quer. Abfallen, weiterfahren, nichts passiert. Auch keine Grundberührung, aber wie tief ist eigentlich 4m Wasser bei 2m Welle?

Erster Eindruck vom guten Leben auf dem Marktplatz von Boulogne-sur-Mer.

Am Pointe de Barfleur war es flau mit Strom von vorn, was zu dieser kuriosen Anzeige führte. Durchs Wasser vorwärts, über Grund rückwärts. Also ankern mitten auf dem Meer. Das musste ich zweimal tun, erst auf 30m und bei der nächsten Tide auf 40m Wassertiefe. Der 10kg Rocna-Anker hielt mit 40m Bleiankerleine plus 25m Großschot.

Nach einer mühsamen Nacht am Morgen des 12.Juli war das Meer plötzlich BLAU! Mit DÜNUNG! Die Kanalinseln lagen achteraus und mir wurde klar, wie schön es südlich der grauen, garstigen Nordsee sein kann. Munterer NW-Wind brachte mich schnell nach Roscoff, das gehört schon zur Bretagne. Von dort ging zum vorläufigen Ziel der Reise, Sainte-Marine / Benodet, wo ich mit einem Freund verabredet war und auf die Miteignerin warten wollte.

Warme Suppe auf See

Diese Etappe begann mit einer Kreuz zur Ile de Ouessant, an deren Küste schon viele Schiffe und Seeleute scheiterten. Da wollte ich mich nicht einreihen. „Go West! Don´t go into the bay!“ sagen die Sailing Instructions der britischen Admiralität. Aber mit Strom und Flaute von vorn kam ich nicht weiter nach Westen. Also fuhr ich mit Gennaker südlich, zwischen Ouessant und dem Festland in Richtung Ile de Sein. Diese Insel liegt West-Ost, und die Tide läuft abwechselnd Nord-Süd. Also war am westlichen und am östlichen Ende der Ile de Sein starke Strömung zu erwarten. Da der Wind weiterhin schwach war und der 3PS Yamaha auch, wollte ich in sicherem Abstand westlich um die Ile de Sein segeln. Westlich war mehr Platz als in der engen östlichen Durchfahrt am Pointe du Raz.

Bei schwachem NW-Wind und südlich setzender Tide wurden wir im Morgengrauen derbe durchgeschüttelt. Wo sich die Wassertiefe von 70m auf 10m verringert entstanden gewaltige vertikale Wasserbewegungen. Es waren nicht eigentlich Wellen, sondern eher 2-3m hohe Pilze aus Wasser, die an beliebigen Stellen emporschossen. Lifebelt anlegen und Luke dicht. Nach 20 Minuten war der Spuk vorbei, aber das Brausen der See konnte ich noch lange Zeit hören. Da hatte ich was Neues erlebt. Kurz darauf umspielte eine Schule Tümmler das Boot.

Saint-Marine /Benodet sind Seebäder und Marinas an der Mündung des Flusses Odet, der landeinwärts nach Quimper führt. Wir genossen Sommerwetter, gutes Essen und liebliche Landschaft.

Etwas landeinwärts, in Cambrit, ist die Werft Pogostructures ansässig. In Sainte-Marine wurde grade ihr neuester Open 40 in Dienst gestellt, mit extra viel Auftrieb im Vorschiff für rasante Fahrt bergab.

Das Damenprogramm

DatumOrtlosfestsmhKommentar
18.07.2021Sainte-Marine/Benodet11:0018:00Badeausflug Glenan-Inseln
19.07.2021Sainte-Marine/Benodet12:0017:00Tagesausflug Odet-Fluß
20.07.2021Sainte-Marine/Benodet09:00Kreuz schwachwind
20.07.2021Port Tudy/ Ille de Groix17:00327
21.07.2021Port Tudy/ Ille de Groix12:00Schwachwind, Sonne
21.07.2021Lorient15:00103
22.07.2021Lorient17:00SE 4-18kn
22.07.2021Concarneau23:45327
23.07.2021Concarneau19:30SE-S-SW 20kn Warten auf Stillwasser
23.07.2021Sainte-Marine/Benodet22:00102,5
24.07.2021Sainte-Marine/BenodetHafentag, allerfeinster Regen

Die Rückreise

DatumOrtlosfestsmhKommentar
03.08.2021Sainte-Marine/Benodet08:30SW schwachwindig,
03.08.2021Camaret22:005513,5später S 15-18kn
04.08.2021Camaret17:45W 12kn, Flaute,
05.08.2021Roscoff07:157013,5S 5-15kn
06.08.2021Roscoff11:00W-SW 20-30kn
07.08.2021Le Havre14:0019527
08.08.2021Le HavreHafentag, Seestiefel gekauft
09.08.2021Le HavreHafentag, Ruder Inspektion
10.08.2021Le Havre10:00SW 9-15kn
10.08.2021Fecamp14:00304
11.08.2021Fecamp10:00W 4-6kn
12.08.2021Dunkerque07:0010521später auffrischend
13.08.2021Dunkerque11:00W-SW 15-20kn
14.08.2021Scheveningen01:009714
15.08.2021Scheveningen10:00SW 15-20kn
15.08.2021Vlieland22:008712
16.08.2021VlielandHafentag, Sturm
17.08.2021VlielandHafentag, Sturm
18.08.2021Vlieland09:00SW 20-30kn, Schauer, eklig
19.08.2021Cuxhaven07:3015522,5ruppige Nacht
20.08.2021Cuxhaven07:30S-SSW 8-12kn
20.08.2021Wedel14:00456,5Schauer

Insgesamt (Rückreise):

  • 839 sm
  • 134 h
  • 18 Tage, davon 4 Hafentage, 5 Nächte auf See
  • 6,3 kn Durchschnittsgeschwindigkeit
KARIN vor dem Tour Vauban in Camaret.
Ruder hatte etwas Spiel, Inspektion alles ok
Ankunft in Scheveningen: Warme Suppe in der schwarzen Grotte, links das Notruder.

Die Rückreise ging viel schneller. Der SW-NE mit seitlichem Abstand parallel verlaufende Schiffsverkehr ist völlig unproblematisch. Aber es ergab sich so, dass ich die drei Bereiche mit dem stärksten Querverkehr nachts und mit ordentlich Wind passierte: Calais, Rotterdam und die Wesermündung. Die Navigationslaternen der Schiffe waren in der Vielzahl der Lichter schwierig zu erkennen und die Schiffe machten unvorhersehbare Kursänderungen. Freihalten war nicht so einfach. Auf der Hinreise, tagsüber, war es entspannter. Ich traf nachts auch einige Fischer, die fuhren zwar wirre Kurse und Manöver, waren aber mit Netz so langsam dass ich mich leicht freihalten konnte.

KARIN hatte keine Defekte. Ruder, Kiel, Rigg, Segel, Strukturauslegung, Elektrik, Elektronik und der 3PS Yamaha haben sich bewährt. Mit Wind, Seegang, Tide, Schiffsverkehr und Dunkelheit kamen KARIN und ich zurecht. Die Bedienung des Bootes, die Navigation und die Vermeidung von

Kollisionen mit Schiffen und Seezeichen erforderte viel Aufmerksamkeit. Schlaf wurde bei längeren Etappen zum Engpass, aber es gab ausreichend Häfen zum Ausruhen. Dabei bevorzugte ich die Häfen mit einfachen, tidenunabhängigen Einfahrten. Das war Vorsicht wegen des schwachen Motors und auch wegen der Länge der Etappen war die Ankunftszeit meist irgendwann und nicht wenn die Tide passte. So habe ich viele attraktive Häfen verpasst. Trotzdem habe ich es genossen, zwei Monate lang autark und frei auf dem Meer segelnd neue Ziele erreichen zu können.

Frankreich etwas ausgefranst, UK, E und P kommen hoffentlich 2022 zum Einsatz.

Andreas Bock www.kk28.org

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